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von Alex Wenner Arco – Mieminger – Wampe am Wampeter

Fotos: AlexW und Maria Thieme



Eigentlich wollten wir nochmal in die Dolos, aber unser Projekt war schon unterm Schnee begraben, also hatten wir Arco kurzfristig als Alternative gecheckt – das Weltklassegebiet aus den Anfängen des Sportkletterns – rauer Fels & Sonne, spirituelle Welt im Zoo, soweit reichte jedenfalls meine Erinnerung an die wilden 80er.  In den 80- und 90ern waren wir sehr oft in Arco. ´88 und ´89 kletterte ich ausser diesen grauselig glatten Platten „Indiana Jones“ , „Dracurella“ und den Überhang „Pipistrello“ in der Swing-Area (die heute keiner mehr klettert) die Mehrseillängen Klassiker „Zanzara“, „White Crack“, „Renata Rossi“, die Tour mit T am Rupe Secca, die keiner richtig ausprechen kann und andere am Colodri – wir waren Fans – von Arco.
Geschäftsjahresende in der Firma, wir kamen ungünstigerweise erst Montag am späten Nachmittag los. Dafür reisten am Dienstag, am Feiertag, günstigerweise die meisten in Arco wieder ab, so hatten wir freie Bahn – soweit die Theorie. In fünfeinhalb Stunden waren wir am Gardasee, sauschnell, die Hände schon leicht verkrampft vom Lenkrad krallen. Knapp wurd's  mit der Pizzeria am Ende, aber wir kamen pünktlich, der Tisch war noch gedeckt.

Nach dem grandiosen Frühstück fuhren wir direkt ins neue „Zentrum“ von Arco, so der O-Ton von Pizza-Bäcker und Alt-Kletterer unter dem San Paolo-Massiv. Dort war die Hölle los,  15 Seilschaften tummelten sich in der „Ape Maya“ 7-, der Rest der Wand hing auch voll, mitten aus dem Dschungel und Gestrüpp hörte man Kommendos in allen Sprachen, ein Topo war erstmal unnötig.  San Paolo ist schon sehr vegetativ, ein Erstbegeher dieser Grünanlage nutzte dieses Biotop schon für seine esoterisch spirituellen Abhandlungen der Kletterwegbeschreibungen und erklärt seine Philosophie denen, die sich hierher verirren, andere würden schlicht sagen:  Bäume und senkrechte Macchia - dazwischen Bolts, auch mal ein Normalhaken, immer in angenehmer Anzahl und Kalk . Wie auch immer, der Vino, die Pizza und das Frühstücksei, alles mit Kaffee getränkt hatte meinen sensiblen Magen geschwächt, sodass ich mich nach der ersten Specklänge von „Penelope“ 7+ (in anderer Literatur wird da von einer Bilderbuchtraumverschneidung gesprochen) fast übergeben musste, zudem war ich dem Kreislaufkollaps ziemlich nahe – es war schwül, ich trug natürlich zuviele T-Shirts, so wie man das halt in Mehrseillängentouren macht, gerüstet für den alpinen Wettersturz, die Raserei steckte mir auch noch in den Knochen.  Das wurde im Tagesverlauf besser, so schön wie's war.

Am Nachmittag wählten wir zum Chillen noch den Top-Spot über Nago – Belvedere, das ich aus den 90ern als athletisches nettes raues und kurzes Stück Fels in Erinnerung hatte, nachdem wir damals von den Katakomben in Massone voll knülle und zufrieden ein bisschen relaxen wollten. Die Speckplatten in Massone hatte man zu der Zeit schon gesandstrahlt, ohne tieferwirkenden Erfolg – toter Fels –bereits in den 90ern. Jetzt hatten es doch tatsächlich die Massen an Arco-Pilgerern geschafft, innerhalb weniger Jahre auch das wunderbare Belvedere in einen Speckhaufen zu verwandeln, nur noch Nago Sektor A, B und C sind speckiger.  Zudem überraschte uns an diesem schönen Nachmittag die Menge an Climbers, die, trotz Abreiseplan, immer noch heftig die Touren blockierten. Wir brauchten ein bisschen Ruhe für die Seele. M.Meisl preist da in seinem Guide den Sektor „Sunny Place“ im Sarcatal als 5 Sterne-Gebiet an. Unterwegs sahen wir in dieser 5er Orrizonti Dolomiti MSL in Sarche ungefähr 20 Seilschaften, die sich durch den Nebel nach oben drängen. Wir also hin zum Sonnenplatz, steil gehts da hoch und abgelegen ist es, leider nicht abgelegen genug, auch hier die Griffe speckig wie´d Sau und plattig wie´d Sau in den Warm Ups. Die 5 Sterne 8a sieht grauselig aus, wahrscheinlich hat die Tour kaum Begehungen, Spinnweben zieren die Kratzer, da helfen auch die Sterne nicht. Athletisch klettern kann man wohl also nur in Massone, in den Katakomben – das ist schade. Auf der Rückfahrt noch schnell in den neuen Bike/und Climb Supermarkt von Fabio und oberhalb von Murata in den Old-School Klettergarten bisschen sight-seeing, die Motivation hat für mehr nicht gereicht, der Fels blank poliert und knusprig.

Am Abend gönnen wir uns in der Sauna noch einen Wohlfühl-Tee. „Fühl dich jung“ stand auf der Verpackung, eine Gaumenfreude, ich mittlerweile gealtert wegen der Politur und dem Grünzeugs in den Touren.
Zum Glück hatte Innsbruck wieder Recht gehabt, die kaltfeuchte Südostströmung bringt tatsächlich den Regen, auf den ich so sehnsüchtig gewartet habe, um endlich noch den Nordalpen einen Besuch abzustatten, an unabgefingertem Fels, der Nordföhn bläst ein dreifaches Hallelujah. Die Mieminger Gruppe soll da ein paar nette längere Sachen bieten, unterwegs noch 2 Stunden in Nassereith gezwickt, interessante Kletterei, auch flach, aber gefühlt besser als in Arco. Zudem scheint in Nassereith die Sonne.  Einer trug ein Shirt mit dem Aufdruck: „The Spirit of Arco“. Ich hab da noch „Dead“ angehängt, das trifft´s besser.
Wir lieben den Schotter, eineinhalb Stunden und 800 Höhenmeter später stehen wir im Schotterfeld unterhalb der Mauer und da wir den Schotter lieben, nutzen wir die Gunst der Stunde und gehen das Feld ganz hoch bis zur letzten Route um es voll auszukosten, zudem verspricht die letzte Tour „Digital Planning“ 7 (Westwand) ganz oben liebliche Kletterei mit dem besten Licht, im „Resultat“ 8 und „Silberschmiede“ 8- ist es schon recht zapfig und finster (Nordwest).... klar, ist ja auch schon November, aber wir kommen nochmal im Sommer.
Nach soviel Kalk in der kurzen Zeit freuen wir uns schon auf die nächste Alpen-Saison, auf raue Strukturen und auf die Stille, auf weniger Haken und auf das spirituelle Erleben, das man abseits dieser mittlerweile degenerierten Gardaseequacken noch erfahren kann.

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AlexW in der „Bilderbuchverschneidung“ von Penelope / San Paolo Oh du schöne „Penelope“ im spirituellen San Paolo Dschungel Nago Settore B – Inbegriff und neue Superlative des Speckkletterns Am Parkplatz von Sunny Place – nicht sunny aber trotzdem idyllisch Nach 2 Tagen in Arco wird Wenner selber zum Philosophen – eingezäunt am Belvedere mit Rückblicksehnsucht in die 80er  Ein paar Sporthänger am Belvedere polieren die Touren Ein Lichtblick im Süden – Kalkflucht oberhalb von Nassereith Nassereith Zustieg mit Arcos fetter Pizzawampe zum Wampi – im Background ragt die Sonnenspitze raus Deutschlands Höchster – Die Zugspitze Al Comici Wenner mit Blick zu Biberwirer Scharte – rechts und unmittelbar unterm Shirt verpackt – Zwei Wampen Blick nach Ehrwald oder Biberwier Das Schotterfeld – steil und geil Maria parkt direkt unter dem „Resultat“ 8. Die Einstiegsplatte über ihr ist  7+ Resultat 8 in Bildmitte, 15m links davon Silberschmiede 8- Digital Planning 7 (6 Seillängen) Digital Planning 7 (6 Seillängen) Schon spät- wir müssen los – aber wir kommen nochmal für Resultat & Co