Das Klettern am Battert bei Baden-Baden hat Geschichte.
Um 1880 wurde dort erstmals auf einen der Gipfel gestiegen. Was
hat Klettern mit Yuppies, Dior, Chanel oder Gucci zu tun? Nichts!
Glaubt man! Baden-Baden ist beliebt wegen seiner Schickeria, den
Luxusshops und dem Casino. Russische Zaren haben sich im 18 Jh.
in der Stadt niedergelassen, russisch-orthodoxe Kirchen gebaut
und in einer davon die badische Prinzessin Luise verehelicht.
Noch heute ist Baden-Baden beliebter Ausflugsort liquider russischer
Familien.
Ohne auf die Erschliessungsgeschichte des Steinlabyrinths
näher einzugehen sei doch erwähnt, dass grosse Alpinisten
und Protagonisten wie Schliessler, Stößer, Steger,
Laub, später dann Gundermann oder Kullmann den Battert als
Trainingsgebiet für die Alpen nutzten. Rolf Gundermann stürzte
Mitte 90 in seinem Hausgebiet tödlich ab.
Prinzipiell gilt der Battert als kühn abgesichertes Genussklettergebiet,
so beschäftigt sich auch dann die Masse aller mit den leichteren,
oft sehr lohnenden Wegen. Den Umgang mit Keilen und Friends sollte
man drauf haben. In keinem anderen mir bekannten Gebiet tummeln
sich derart viele behelmte, mit Brustgurt und Prusik equippte
Steiger unter modebewussten jungen Menschen, die angeregt über
den Unterschied zwischen 4 und 4+ diskutieren. Retro versus Gigolo,
Kuckucksuhr oder Rolex, stets in vorbildhafter Harmonie und das
inmitten des schönen Schwarzwaldes.
O-Ton: “ Also, das ist
sicher eher 4+, mit 4 hat das nichts zu tun, oder zumindest 4/4+.“
Wer kann das schon beurteilen? Richtig, ein Battert-Kletterer,
und das zurecht. Denn sehr schnell spürt selbst der eingefleischte
Extremkletterer, dass es mit den letzten Zügen am „Bockgrat“
der Falkenwand aus dem Jahre 1905 nicht nur luftig ausgesetzt,
sondern auch technisch gesehen, für 4+ ungewohnt streng zur
Sache geht. Die Linien links der Kante sind nicht weniger eindrucksvoll.
Immer recht griffig gehts dahin, so auch in der „Freundschaft“
6-, dem klassischen „Raucherwandel“ 6+, das fotografisch
sogar Berühmtheit in alten Magazinen durch Silberlorbeerblattträger
Sepp Geschwendtner erlang, oder in der benachbarten „Falkenkante“
7 mit ein paar lässig exponierten Zügen, steigt es sich
zügig dem Gipfel entgegen. Selten kann man in deutschen Mittelgebirgen
besser Genussklettern, aber vor allem, kaum lohnender. Selbst
Battert-Routen im 3.Grad wie der Bismarkgrat sind phänomenal
von der Art der Kletterei, Länge und der Linienführung.
Oft sind allerdings die Einstiege verblockt, finster, teils wirklich
hässlich und nicht so idyllisch wie im Sandkasten des Pfälzer
Waldes. Hat man aber die ersten zehn Meter Fels erstmal unter
sich gelassen, fühlt man sich gleich besser und die Szenerie
wird zunehmend harmonischer und optisch ansprechender. Auf den
Turmspitzen angekommen, wird man mit einem wunderbaren Blick hinunter
auf Baden-Baden belohnt.
Modisch wurde es am Battert, schon die Anfahrt zur
Parking-Area durch das Villenviertel von Ebersteinburg lässt
auf Grosses hoffen. Das Hanfseil, die meisten alten Rostgurken,
einst seriöse Haken, als auch der Angstschweiss wurden zeitgerecht
ersetzt. Heute trägt ein Teil des Battert-Clientel Oliver
Peoples, Boss und sonstiges Gedöns und klippt Bühler.
An den Einstiegen riechts nach Versace, Chopard oder nach wie
vor nach Schweiß.
Abseits der Genuss-Climbs findet sich im Labyrinth
der diversen Schluchten auch Anspruchsvolles, mitunter auch recht
schweres Gemäuer. So fühlt sich manche Battert 9- härter
an als in international bekannten Kalkgebieten wie z.B. rund um
Nürnberg.
Michael Hummel beschreibt in einem Rotpunkt-Magazin aus den achtziger
Jahren den „Klappstuhl am Paradies“ (1985) und bewertet
eine freie Begehung mit glatt 9.
Der Grad hat sich bis heute etwas relativiert, die Route wird
unter den Cracks jetzt mit 8+/9- gehandelt und bietet aber nach
wie vor angenehm anspruchsvolle Moves in bedrohlich schattigem
Ambiente. Der Zustieg oder besser der Abstieg zum Beginn der Touren
ist logistisch etwas komplex und abenteuerlich. Daher werden die
Routen in diesem Sektor kaum wiederholt. Fast kommt Verdon-Feeling
auf, der grandiose Tiefblick fehlt allerdings. Rechts vom Klappstuhl
stieg 1993 Oliver Jacob den „Rollstuhl zur Hölle“
und bewertet die Einstiegsvariante zum Klappstuhl mit 9. Daran
hat sich bis heute nichts geändert. Einziger Wehrmutstropfen
ist der Aufstieg nach getaner Arbeit. Den benachbarte „Steigbaumriss“
6+ werden nur die Botaniker lieben, die gegenüber Keil und
anderem Gerödel nicht abgeneigt sind. Der „Ökotest“
7 kann unter heutigen Maßstäben aufgrund seiner Gefährlichkeit
nicht empfohlen werden.
Ende der Achtziger gab es am Battert zwei neue
Teststrecken. Einerseits die „Maßstäbe“
9 von Michel Hummel an der Badener Wand und „Der Block“
10-/10 unterhalb des Predigstuhles. Der Block gäbe eigentlich
ein hervorragendes Boulderproblem ab, wäre das Einstiegsgelände
nicht so furchtbar steinig zum Abspringen. Wolfgang Widder, der
der Pfalz ein paar Jahre später den Rücken kehrte und
heute einen auf Bayer macht, gelang die erste Begehung des 6m
hohen „Blocks“. Seine Schwärmereien am Bärenbrunnerhof
über eine Einzelstelle im Schwarzwald, die härter sei
als die schwierigste Einzelstelle der damaligen Pfälzer Toprouten,
machte Appetit und ließ ein paar Pfälzer nach bereits
frühkindlicher Expedition erneut zum Battert nach Baden-Baden
pilgern. Ich konnte damals als Zweiter die Züge aneinanderreihen
und war glücklich. Karli Widder gelang derweil die erste
Wiederholung von „Maßstäbe“, deren Crux
sich durch einen einzigen prügelharten und etwas krätzigen
Zug knapp unterhalb des Gipfels charakterisieren läßt.
Erst im Jahr 2006 bekam „Der Block“ eine dritte Begehung
durch Julius Westphal, der nur knapp an einer Flashbegehung vorbeischnappte.
Super Ausdauertouren gibts an der „Bismarck-Ostwand“.
Der Klassiker im oberen 8. Grad ist Pflicht, etwas leichter gehts
in „Wolpertinger“ 8 zur Sache. Die Kombis an der Wand
sind allerdings der Hammer. Die lohnendste und die am besten gesicherte
dürfte „Ostwand-Wolpertinger“ 9- sein, die luftigste
nimmt den Ausstieg der „Möwe Jonathan“ 8+/9-
mit einer weiteren bissigen Einzelstelle ganz oben. Auf der Westseite
bieten „Paellarührer“ oder die benachbarte „Westwand“
von Martin Schliessler exzeptionellen Leistengenuss zum Aufwärmen
im 6.Grad.
Viele Battertgipfel tragen berühmte Dolomitennamen. Steht
man auf deren Haupt und schaut sich mal um, weiss man auch gleich
warum. Die Cima della Madonna & Sass Maor bieten beide jede
Menge tolle Touren mittlerer Schwierigkeit, mit „Weg der
Entspannung“ 7+ und „Jugend“ 6 an der Qualitätsfront.
In dem kleinen Vorbau der Talseite sollte „Feedback“
9- nicht unerwähnt bleiben. Die Tour ist sehr kurz, nicht
übersichert und man muss ganz schön zuzwicken für
den Grad und die Kürze. Um die Ecke sind „Otto´s
Kante“ 8- und die „Südwestkante“ 7+ Programm.
Die Masse der Battert-Climbs bietet genussvolles Klettern an Platten,
Kanten, Wänden, an Rissen und Dächern, das Angebot ist
breit angelegt und die Liste was sonst noch taugt ist lang. Zwischendrin
findet man immer wieder die ein oder andere Nummer härterer
Gangart. Das macht den Battert zu etwas Besonderem. Zuletzt sah
ich ein Porsche Cabriolet auf dem Parkplatz, am Einstieg der Bismarck
Ost 8+ stand eine Vuitton Tasche in braun, die Kletterdame trug
Prada und es roch nach Sander Delight. Trend, oder nicht Trend,
das bleibt hier die Frage.