“Wenn wir erklimmen schwindelnde
Höhen, Bergvagabunden sind wir ...”
Eine sternenklare Nacht, knapp über Null Grad Celsius, es
riecht fürchterlich nach Gulasch-Furz und die 15 Herren in
gehobenem Alter liefern sich ein Schnarchkonzert in allen erdenklichen
Tonlagen. An eine schlafbringende Nacht in nicht zu denken.
Die Tuckett-Hütte ist der zentrale Ausgangspunkt für
den “Sentiero delle Bocchette Alte”, ein kühner,
überaus imposanter Abschnitt des berühmten Bocchetteweges.
Vor Wochen rief mich mein Vater an, der als Bergführer eine
Gruppe durch die Brenta führen will. Die Mannschaft ist gross,
er braucht Verstärkung, dass heisst eine Woche knechten,
schwerer Rucksack und Klettersteigtourismus.
Als 8-jähriger Jüngling bin ich schon
mal über den Bocchetteweg gerutscht, kann ich mich daher
grob an das ein und andere Blocklabyrinth in Hüttennähe
erinnern. In dieser Woche werden wir keinen Campanile Basso oder
Crozzon di Brenta klettern können, daher steck in die Kletterpatschen
und den Chalkbag prophylaktisch zum Bouldern ein.
Die Tagesetappen sind schön, aber ausdauernd, teilweise stressig,
Gegenverkehr an exponierten Stellen, Ertragen der Langsamkeit
einzelner Bergkameraden an den Drahtseilen, das ständige
Umklippen der Karabiner, Klettersteig gehen erfordert ein hohes
Mass an Geduld und Gelassenheit.
“Aber die steilen Grate, die gigantischen
Wände und die wilde Landschaft lassen mich in meinen alten
Jahren zum Romantiker und Eroberungsalpinisten werden.
In sicherer Gewissheit der zu durchstehenden Qualen, lässt
die Aussicht auf Bouldern, unser Herz vor Freude frohlocken”.
Als wir die Tuckett-Hütte erreichen, hat das
Schinden ein Ende. Uns überrascht das unglaubliche Angebot
an Boulderblöcken und verspricht zumindest mal vom optischen
Eindruck her, Kletterei vom Feinsten. In unmittelbarer Hüttennähe
erblickt unser Auge unzählige Kalkblöcke, in unterschiedlichen
Dimensionen und Formen.
Nur die Höhe macht uns zu schaffen, Bouldern auf über
2500m sind wir nicht gewöhnt. Das Herz pumpt hektisch Blut
durch unsere geschwollenen Adern, Bouldern wird hier oben zum
Ausdauersport.
Hinter der Materialseilbahn dann die erste Perle im Brentakalk.
“Freudige Erwartung lässt den Fusse
zügig zum Felsen streben. Über mir klafft der Block
wie eine von blutig Schwert geschlagene Wunde."
Der
“Blockschnaxler” Fb. 7b startet mit Sitzstart auf
einer grünen Hochgebirgswiese, die linke Backe keine 30 cm
entfernt eines blauleuchtenden Gebirgsenzians. “Treue Freundeshand
spottet”. Drei kräftige Leistenzüge leiten zum
3 m hohen Brentagipfel, im Hintergrund die romantisch anmutende
Mauer des Castelletto Inferiore mit der ach so berühmten
Kiene-Route. Das Ambiente ist genial, Nebelschwaden durchziehen
die Blocklandschaft. Es wird sehr mystisch, weiter hinten im Dunst
einzelne Lichter und Silhouetten einzelner Vagabunden, die sich
von den Portionen der Vor-, Haupt- und Nachspeise der Abendmahlzeit,
die der Hüttenwirt persönlich zaubert, erholen müssen.
El klettert den Highball “Alpenglüher” Fb.6b+,
6m hoch, natürlich ohne Crash Pad, dass bei einer Bocchettetour
nirgends Platz findet. Die flohbeladenen Matratzen des Nachlagers
bieten keine echte Alternative.
"KletterBruder” Klaus gelingt ein kleines Dach aus´m
Sitzstart raus, mit einem Sloper-Mantle Ausstieg, der mit den
typischen Pfalz Problemen locker mithalten kann.
“Mit stolz geschwellter Brust auf dem Block
sitzend, über uns ein Meer purpurrot gefärbter Wolken,
beenden wir das Tageswerk."
Der nächste Abschnitt wird anstrengend, Bocchette
Alte zur Alimontahütte. Ich richte das Gehtempo so ein, dass
wir um 16 Uhr auf den Hütten sind, einerseits um den nachmittäglichen
Gewittern auszuweichen, aber auch um genügend Zeit zu haben,
unsere “Tour de bloc” fortzusetzen.
“Gefüllt mit Bergesglück steigen
wir zur Hütte ab."
50 Gehsekunden von der Alimonta-Hütte entfernt,
haben Bergführer aus Madonna di Campiglio einen Klettergarten
für Kletterkurse eingerichtet. Für uns ein Leckerbissen,
mehrere Highballs zu klettern. An einem 10m hohen Block entdecke
ich eine geniale Linie, eine Lochreihe die bis zum Gipfel des
Turms führt.
“Ein schwacher Halt gefunden, die linke Hand
krampfhaft verklemmt, wie ein Feuer brennt die Erregung in meinem
Körper. Angst entlockt mir ein zaghaftes 'Es muss!'."
Nach 6 m in “Gebrüder Mattheis Gedächtniss
Boulder” Fb. schwer, räumen meine Spotter die Landebahn.
Hätte auch wirklich knapp werden können, mir blieb nur
die Flucht nach oben.
“Tiefe Freude machte sich in meinem Herzen
breit, nur so knapp dem sicheren Tod entronnen zu sein. Erleichtert
winke ich meinen Bergfreunden zu. Mit leichtem Schritt den Fels
absteigend, geniesse ich den heldenhaften Ruhm eines Erstbegehers.
Schon strecken sich dankschüttelnde Hände meiner Kameraden
entgegen."
Dopamin-gespaced geselle ich mich wieder unter die
nachts furzende und schnarchende Menge.
Die Wiese unterhalb der Cima Tosa, mit ein paar Blöcken bestückt,
unweit von der Pedrotti-Hütte gelegen, erinnert mich an die
Tage mit Gerhard, Markus und Wolfgang im Zillertal. In welchem
Bouldergebiet landet der Bergsteiger beim Abgang schon auf einer
Wiese ? Auf 2500m ein kleines Paradies für Boulderer. Scharfe
Miezen in der Hütte, scharfe Kanten, kleine Überhänge
und das alles nur ein paar Minuten entfernt vom kühlenden
Weizenbier, Importware aus Deutschland.
Ein weiteres Boulderhighlight in der Brenta findet der interessierte
Steiger bei der Location Agostini-Hütte. Nach einer 120-sekundenlangen
Dusche für 3 Euro, geht's gepflegt und nach Aftershave duftend,
auf erste Erkundungstour.
“Gesättigt durch die atemberaubende
Szenerie majestätischer Felsformationen, schweift mein Blick
des nächtens von meinem Lager erneut hinaus, in die Welt
der Agostiniblöcke und ich kann schon den Hauch von kleinen
Kanten und steil abfallenden Mulden spüren. Tief beeindruckt
geleiten mich bizarre Bilder in meine Träume. Am Morgen ist
vor Aufregung der zu erwartenden Ereignisse, kaum ein Bissen herunterzubringen.
Eine Stulle in den Rucksack stopfend, machen wir uns auf den Weg
zu den Blöcken. Dort stockt uns der Atem."
Eine scharf geschnittene Sloperkante, ähnlich
dem Zillertalproblem “Hotel California”, eben nur
kleiner und aus Kalk anstatt Granit, soll unser erster Kraftakt
sein. Flache Aufleger leiten über zum finalen Presser in
die Platte. Die “Detassis”, meine Widmung an Bruno
Detassis, der viele Jahre als Hüttenwirt der Brentei, die
wichtigsten Brenta-Klassiker zu Zeiten Comicis, Maestris und den
anderen Dolomiten VIPs erstbegangen hat, checkt etwa bei Fb.7b+
trav. ein und darf jetzt schon mal als Brentaboulderclassic bezeichnet
werden. Auch Detassis boulderte schon zu frühen Zeiten.
Kurz bevor die Nacht einbricht, gelingt Elke noch ein ganz edles
Teil aus Kalk. “Sambuca
con la musca” Fb.7a startet an einem wunderschönen
Block mit Sitzstart und bietet athletische kleingriffige Kletterei.
Die flache Kante zum Ausstieg ist moralisch anspruchsvoll, aber
moderat schwer. Etliche Sambucas später, versinkt die Sonne
hinter unseren kleinen Brentagipfeln blutrot.
“Herrliche Blöcke, sonnige Höhen,
Bergvagabunden sind wir."