Sehr
jungfräulich kommen sie aus der Maschine, zart und gepflegt
, so sauber und doch brutal rauh.
In Deutschland geht der Bouldercup-Virus um. Kein Wunder, denn
die Spass- und Jammergesellschaft, unterwegs im Kampf zwischen
harten Beziehungkrisen und Job-Stress ist fasziniert und spürt
den inneren Drang zur Ausgleichsbewegung. Fast an jedem Wochenende
werden Herrscharen dünnbeiniger Boulderer in die magnesiageschwängerten
Hallen ganz deutschlands gelockt, mit dem Versprechen am Ende
Ruhm und Ehre, vielleicht auch ein niegelnagelneues Crashpad oder
einen druckfrischen Nacktboulderkalender als Preis zu ernten.
Na toll, sagen die Puristen. Zwei oder mehr PlastikgriffeandieWandschrauber,
die Funktionäre nennen sie nationale & internationale
Routenbauer, werden dazu verdammt, ein oder zwei Tage vor dem
Cup feine Boulder zu schrauben. Dem anspruchsvollen Teilnehmer-Clientel
muss schliesslich was geboten werden, und Tränen solls auch
keine geben, wegen den zu leichten, zu schweren oder schmierigen
Sloperproblemen.
Der Tag eines Routenbauer-Teams beginnt meist sehr angenehm.
Nach ein paar Latte Macchiatos und Schokoriegel wird nach einer
klar vorgegebenen Routenliste mit klar definierter Schwierigkeit
die Wand inspiziert und visionär die Linien in Gedanken an
die Wand genagelt. Danach heisst es fein säuberlich Schrauben
sortieren und Griffe auswählen. Gut organisierte Veranstalter
halten dafür Sunilsaubere aus der Waschmaschine kommende
flache Bananen, Kratzleisten, Zweifingerinserts und fette Sloper
bereit. Das macht soo glücklich, wirklich. Die Griffkisten
sind schwer, das Schleppen dieser zum Einstieg noch schwerer.
Schon mit einer ordentlichen Vorplättung durch die Knechterei
gehts endlich los.
Kranke, nicht verarbeitete Traumata verleiten den Erschaffer zu
hässlichen fingeraufbiegenden Moves und mit einer anregenden
Portion Vorschadensfreude kreiert der fiese Routenbauer Boulderprobleme,
an denen sich die Lemminge später austoben können.
Spass soll's machen, denn schliesslich will mannfrau für
ihr Startergeld, ausser den beim Cup bereitstehenden Energie-
und Proteindrinks, was für die Figur tun. Meistens reichen
20 Boulder aus, um wirklich auch den Besten brettharte Unterarme
zu verpassen. Intelligente Routenbauer beginnen mit den wirklich
schweren Testpieces, hier ein Tritt, dort ein Griff, noch einer,
und oben dann der Abschlusssloper, der dynamisch zum Top „leidet“.
Leiden sollen sie alle, ein Cup der Emotionen, saugen sollen sie
auch, die Boulder, und wenn dann am Ende klar selektiert wurde,
also keine ersten Plätze doppelt oder mehrfach belegt werden
müssen, dann lachen auch die Funktionäre.
Selektiv ist das Schlagwort eines jeden Erbauers und der Sponsoren.
Selektiv müssen sie sein, Zonengriffe erreichen schon nur
die ganz Guten. Und die, die nur zum Spass vorbeikommen, wollen
sich auch festhalten können, zumindest an den meist 3-4 leichteren
straight-up´s und Traversen.
„Verkackt“, rufen die Schrauber in regelmässigen
Abständen in den leeren Raum, denn man ist so einsam und
die Einschlagmuttern sind verdreht, verbogen, manch eine verloren.
Den Imbuss drehen bis zum Anschlag, schön weiter, bis es
knackt im Gebälk, eine Handbewegung die lähmt und langweilt,
aber die Traumata schaffen Mut, Mut der bis zum Ende reicht.
Das Routenerbauerteam erschlafft meist nach der Hälfte der
gebauten Boulder so stark, dass Designer-Food Pizza´s aus
der Polyprop-Folie, weitere Schokoriegel und genug Flüssiges
nachgeschoben werden müssen.
Der interlektuelle Schrauber will meist kreativ komplexe Bewegungen,
technisch anspruchsvoll und doch athletisch, die eierlegende Wollmilchsau
des Plastikboulderns ist angesagt. Dann wird auch keiner jammern
und jeder Lobeshymnen zur herausragenden Qualität des Cups
über die Landesgrenzen hinaus verbreiten. Nach erfahrungsgemäss
einer Schrauberei bis weit in die Nacht, sind sie angerichtet.
20 Linien, immer noch Sunilsauber, leicht befleckt mit Magnesiastaub
vom Antesten, bekommen sie kleine Schilder mit ihren Namen und
der Schwierigkeit, sodass das Clientel am nächsten Morgen
erstarrt, voller Hochachtung und Anmut, für das was kommen
wird. Geschaffen wurde ein Sammelsurium einzigartiger Visionen
und Fusionen einer supercoolen Freizeitbeschäftigung. Mit
Fingern und Handgelenken dick wie Pfälzer Knoblauchwurst,
gehen die Routenbauer, meist allein, meist unglücklich, aber
nur aus Erschöpfung, nach Hause und schreien nach Erholung
und Tiefschlaf.
Der nächste Morgen. Die Finger sind noch dicker, geschwollen
wie eine XXL-Blutwurst, wegen mir Pfälzer Blutwurst, zieht
das Team alle Griffe nach. M10 Imbussschlüssel, jeder Griff
bekommt eine Einzeltherapie, denn der Temperaturwechsel über
Nacht hat die Holds gelockert. Nach getaner Arbeit ist Schichtwechsel,
die Lemminge stehen vor der Tür, bereit zum Eintritt in die
Arena. Blasse weisse Gesichter, ausgemerkelte Körper, noch
dünner, als man sie aus den Magazinen kennt, gehen sie zur
Registrierung an die Bar. Dort überreicht meist eine knackige,
mit Minirock bekleidete Bardame die Energieriegel und Drinks und
pünktlich wird zum Kampf aufgerufen.
Das Routenbauerteam macht jetzt Urlaub und geniesst die angenehme
Atmosphäre, alle anderen gehen auf Punktejagd bis zur Preisverleihung.
Am Ende gibts ne Party, manchmal mit berüchtigten Bands und
wieder stellt sich mir die Frage: „ Was soll das alles?
..... weils vielleicht Spass macht,..... oder zumindest Spass
machen soll, sagen die Wissenden.
Zum Schluss ein Zitat aus der Pfalz, dass ich euch nicht vorenthalten
möchte:
Der Gipfelbuchwart H.F. gab am PK-Fest bekannt:
„ Bouldern ist die komplette Bankrotterklärung für´s
Klettern“