Neulich blätterte ich in einem uralten Boulder-Magazin
aus den 1980ern. Sprachrohre des Klettersports ließen
sich über die Zukunft des Kletterns aus. Da wurde von utopischen
Projekten berichtet, der tiefe sychologische Sinn des Bergsteigens
ermittelt und neue Schwierigkeitsgrade für das Jahr 2020
orakelt. Aber keiner wusste so recht, was die Zukunft bringt.
Keiner sprach von Funktionären und Sponsoren, die die Athleten
heute so stark zu motivieren scheinen, alles nur noch zu visualisieren.
Visualisieren, das neue Unwort des Jahres 2010,
ist angekommen im alpinen Lager der Profis. Der 11. Grad wird
von einigen zum lapidaren Warm-up degradiert und ein 8000er
als Sonntagsspaziergang nach einer Tasse Yak-Tee einfach mal
so mitgenommen. Der Gipfel ist nicht mehr das Ziel, sondern
das Zelt, in dem sich der Athlet, im Höhenrausch im warmen
Schlafsack liegend, auf den Gipfel der Genüsse träumt
und sich selbst auf einer Kanonenkugel durch die Klettermedienwelt
schießt. In Gedanken, versteht sich.
Grosse Wände und schwere Sportkletterwege werden im Hochgeschwindigkeitslauf
ohne Seil geklettert, mit dem Tod stets in Blickkontakt. Der
Base-Schirm schafft für den ein oder anderen Solohelden
die nötige Reserve, mit dem er zwar coole Free Solos machen
kann, aber im Notfall dann doch drauf geht.
Der Rest der Profi-Kletterwelt scheint wahnsinnig
zu sein. Riskiert nicht länger eurer Leben für einen
zweiseitigen Bildbericht in einem Kletter-Boulevard Blatt. Die
Biotechbranche macht's möglich.Schickt euren Klon auf die
vertikale Reise, die euch persönlich zu gefährlich
oder zu zeitaufwendig ist. Therapeutisches Klonen nennt der
DNA-Experte das. Man nimmt ein paar totipotente Zellen, vermehrt
diese und stellt nacheinander erst die Organe, dann des Rest
vom Kletterer her. Ich hab mir jetzt einen Klon gemacht und
bin höchst zufrieden. Da ich noch nie auf einem 8000er
war, trainere ich ihn gerade dafür. Mein Klon im Einsatz,
um meinen persönlichen Alptraum zu realisieren - Wahnsinn.
Ich mein, ich hab wirklich keinen Bock mit 150 anderen auf einem
total langweiligen Normalweg Schritt für Schritt auf so
einen Schneekegel zu steigen und auch noch zu japsen, als würde
mir einer den Hals zudrehen. Mein Klon hat keine Sponsoren,
daher auch keinen Druck, als erster Klon alle 14 Achttausender
besteigen zu müssen, oder so. Da er exakt so aussieht wie
ich, glauben meine Kumpels, was der Alex trainert wieder 5 mal
die Woche, so wie früher.
Ganz im Gegenteil. Alex macht Langzeiturlaub und wechselt sich
mit dem Klon ganz fair ab. O-Ton Alex: „Er geht also 4
mal die Woche in die Halle, ich nur noch einmal, um körperlich
nicht völlig zu degenerieren. Den Rest der Zeit ist mein
Klon mit Konditionstraining für den 8000er, meinen Job
in der Firma erledigen und in meinem Haushalt beschäftigt.
Staubsaugen, Kochen, Wäsche waschen, Kinder versorgen und
dann noch Klettern“. Ihr seht, auch das Leben meines Klons
kann stressig sein. Meine Felsprojekte, die ich selbst nach
8 Tagen rumbouldern nicht hochkomme, übernimmt jetzt mein
stets motivierter Kumpel aus dem Reagenzglas. Neulich fragte
mich ein Funktionär, ob ich nicht mal Lust hätte,
so eine Wahnsinnsalpenwand, so wie der Huber an der Zinne, free
solo zu klettern. Klar, oder? Mein Klon soll diesen gefährlichen
Auftrag übernehmen, mein Funktionär kennt ihn natürlich
noch nicht, noch nie gesehen – darf er auch nicht.
Während ich dann mit sicherem Arsch in der Lavaredo-Hütte
Cappucinos schlürfe, zieht mein Klon durch die heiklen
und wackeligen Züge des Phantoms oder vom Pressknödel
an der Zinne – free solo on sight natürlich –
ohne Base-Schirm und der Fotograf und das Filmteam benachbart
im Schlingenstand baumelnd. Das gibt's, wenn´s gut geht
, ein Presseblitzlichtgewitter vom Feinsten – und Kasse
klingelt. Wenn´s ihn aber dann pressknödelt, muss
ich eben wieder Zellen züchten und einen neuen Klon auftrainieren.
Das wäre aber, bei all der Zeit, die ich in den Kollegen
investiert habe, höchst ärgerlich.
Das einizge was nervt ist, dass mein neuer Freund
auch ein Schwein ist, so wie alle Männer („Männer
sind Schweine“ – Die Ärzte 1998). So hab ich
den Sack neulich mit meiner Frau im Bett erwischt, ihm aber
dann postwendend mit einer Zellteilung gedroht. Was? Wenn mein
Klon nicht spurt, wird er mittels Cytokinese wieder in seine
Einzelteile zerlegt und ich freu mich dann auch vielleicht mal
wieder, auf ein ehrliches und erlebnissreiches Bergvergnügen,
eins nur für mich – nicht für die anderen.