Mein Gott, waren das Zeiten. Der 9. Grad war definitionsgemäss
fast unkletterbar, nur die Sauguten kletterten 9er, zumindest
in der Pfalz. In USA mit dem Grand Illusion bzw. im Altmühltal
mit dem Face wurde der untere 10. Grad aber schon gezogen. Das
intressierte in der Pfalz aber keinen. Den ersten Pfalz-Zehner
gab's mit dem Schlotterschem „Windjammer“ erst ´92.
Wir fuhren, als wir das erste Mal zum Hof unterwegs waren, irgendwann
in den 80ern bei stockfinsterer Nacht aus Versehen hoch zum
Honig anstatt zur PK Hütte und standen mit unserer Schleuder
irgendwann direkt unter „Gottes Lohn“ 9.
„Der Wald stirbt“, stand da an der Mauer und wir
sterben wahrscheinlich auch gleich, dachten wir uns, wenn uns
einer der damals noch rest-aktiven Haken- und Chalkkrieger mit
Chalk-Bag, zumindest im Kofferraum, mit unserem VW Käfer
hier mitten im Wald erwischt.
Abends am Lagerfeuer gibt mir Kollege Michael - alias "Geier"
- mal einen kurzen Einblick in die Pfälzer Kletterchronik.
Tagsüber zog er das „Gorilla-Dach“ am Heidenpfeiler
und hatte an dem Tag vorher, ohne wirklichen Auftrag, den Magnetfinger
angecheckt. Das Gorilla-Dach, kein leichter 8+er, auch heute
nicht, fand damals sogar Erwähnung in der Bergsteiger-Chronik,
als es der Sepp Gschwendtner wiederholen konnte. Heute werden
in den Mode-Mags nur über 9a und up Begehungen berichtet,
in den 80ern unterhielt man sich noch über 8er Toptouren.
Touren, die heute zum Aufwärmen herhalten müssen.
Jaja, der Zahn der Zeit. Der Güllich hatte den Magnetfinger
kurz davor Rotkreis geklettert. Meine Hände waren schweißnass,
der 6. Grad war für mich gerade das Nonplusultra und ich
war froh, die Klassiker, in die mich Geier reinschickte, zu
überleben.
1984 hatten Lothar Hartmann und Heinz Dengel am Burghalde eine
Linie eingebohrt und technisch erstbegangen (5+/A1 angeblich),
die keine 10 Jahre später weltberühmt wurde. Von den
schweren Pfalz-Touren dürfte der Magnetfinger heute mit
Abstand die meisten Begehungen haben. Schlangenader sollte sie
eigentlich heißen. Zu Zeiten von Güllich gab's aber
deutlich mehr Leisten und Seitwaben, sodass Kenner der Szene
heute behaupten, dass Wolfgangs Begehung den oberen 8. bis unteren
9. Grad nicht überstieg.
Die erste freie Wiederholung nach Güllich gelang am 1.11.1984
Michael Schlotter (Rotkreis) und am gleichen Tag dem Amerikaner
Christian Griffith (RK) (Eldorado), den Schlotti aus der Fränkischen
an dem Tag in die Pfalz brachte.
O-Ton Schlotter: „Kubin und Kraus
u.a. hatten zwar probiert, sind aber die "Schlangenader"
wie der Magnetfinger auch genannt wurde nicht oder nicht schnell
genug hochgekommen. Ich hatte damals Christian, Designer der
Verve Klamotten und Sandstein Kletterer aus dem Eldorado Canyon
aus der Fränkischen zum Sandsteinklettern mitgenommen und
wir haben die Tour an einem typisch nebligen kalten Novembernachmittag
und in typischen Lycras, ohne vorher jemals probiert zu haben,
geklettert. Die Tour war damals leichter , links war in der
Wand kein schlechtes Einfingerloch , sondern ein 2-Fingerloch
und einige Leistchen an der Rippe waren etwas besser als Anfang
der 90er Jahre und vermutlich heute. Für Christian war
es außer dem Aufwärmprogramm die erste härtere
pfälzische Tour. Er meinte, es sei eine harte Einführung
ins Pfälzer Klettern gewesen.“
Wolfgang Kraus gelang kurze Zeit später die erste Rotpunktbegehung,
Roland Petrovecki und Hans Jürgen Cron legten nach. Da
scheinen aber zwischenzeitlich schon Griffe abgefallen zu sein,
denn Krausl sprach 1985 schon von einem glatten 9er in einem
Pfalz-Artikel im 85er-Bergsteiger Heftl . Das erste mal Finger
angelegt hab ich ´88, punkten konnte ich es aber erst
´89, denn der Winter war lang und hart (Hallen gabs übrigens
noch gar keine). Da waren die Strukturen fast noch jungfreulich,
die Griffe grip-ten wie´d Sau, anders wie heute.
Am 3. Ring war zu der Zeit noch eine etwa 1cm breite Seitwabe
für rechts, abschüssig, aber gut und an der Crux,
die linke Leiste top, die rechte so wie heute, bevor man zur
rechten Zange und dem berühmten Fingerloch zog. Man zog
also von der rechten Seitwabe direkt mit links hoch zur damals
schwarzen guten Leiste, (also ohne das ätzende Daumenloch),
an der man locker chalken konnte, bevor man hookte und mit rechts
zur Zange ging. Die linke schwarze Leiste hat dann irgendwann
später einer mit dem Bunsenbrenner abgesprengt.
Die Griffe schmierten, waren feucht und dem Hirni konnte es
nicht schnell genug gehen. Bunsenbrenner drauf gehalten, 1-2-3
war der Griff abgeplatzt, das war aber Anfang der 90er. Bis
dahin war die Bewertung mit 9 sicherlich gerechtfertigt. Magnetfinger
diente uns zu der Zeit als Spul-Route, um die Max-Kraft zu verbessern.
Florian nutzte die Idee, um sie mit Schlendern zu kombinieren,
und die Trauerflöte 10-/10 (heute 10-, da Schlendern leichter
wurde) war geboren, Namensgebung übrigens als Gedenken
an den verunglückten Wolfgang.
Da aber in der Pfalz gottgegeben nix schwerer sein durfte als
9, blieb das eine ganze Weile so. Alles was sauschwer war, war
9. Wolfgang Kraus beispielsweise brauchte mehrere Tage, um seine
„Vollstreckung“ am Rödel, damals nur mit 9-
angegeben, zu klettern, obwohl er in der fränkischen Süd
bereits „Face“ 10- und „Kanal im Rücken“
10 deutlich schneller geknipst hatte. Es war also durchaus hipp,
in der Pfalz fast hype-mässig tiefzustapeln und knallhart
zu werten. Das hat schon eh und je viele Reisende abgeschreckt,
bei der zudem, zumindest in alten Classics, miserablen Absicherung.
Als mal der Werner Thon in der Pfalz war und den Finger punkten
konnte, sagte er zu mir: 8a+, ganz klar, also 10-. Der Pfälzer
Magnetfinger wurde Magnet für alle, die besser klettern
konnten. Klar, die Linie, als auch der Bekanntheitsgrad durch
Bilder in Magazinen, selbst in USA, in Büchern und Postern
sind auch heute noch der Grund, warum Leute zum Burghalde pilgern.
Mittlerweile wirds schwierig weitere Griffe abzureissen, realistisch
dürfte er bei 9+ angekommen zu sein, wobei mir tatsächlich
jeder aktuelle Begeher zustimmen würde, das in anderen
modernen Gebieten er durchaus als 8a durchging, gerade bei etwas
schmierigen Bedingungen, die übers Jahr im Schnitt aber
meist herrschen.
Damenhalb- und Komplettbegehungen gab's auch wenige. Zm Beispiel
hatte Silka Pierson ihn getoproped, aber nie gepunktet. Damaris
Knorr, später dann Dorothea Karalus punkteten die Kante.
Ob's weitere Frauenbegehungen gibt, weiß ich nicht. Von
der Linie her, als auch von den technischen Anforderungen, überzeugt
der Finger auch noch heute, auch wenn er mittlerweile in die
Jahre gekommen ist.
Facts:
Magnetfinger 9+ (5+/A1) Burghalde ganz links am Massiv
Einen Toten gab's an der Kante. Der Kletterer hatte den 4. Ring
überklettert und ist am 5. abgerutscht. Er schlug unten auf
dem Block ein und erlag seinen Verletzungen.
Nachdem Jerry Moffat „Schlendern“ flashte, riss ich
einenTag später in Schlendern den rechten Seitgriff raus.
Mein Oldie sicherte und der Flug endete sehr sehr weich am 1.
Ring vom Magnet, knapp über'm Boden. Dabei hätte es
dann haarscharf den zweiten Toten gegeben. Paar Jahre zuvor hatte
er mich schon bei einem Griffausbruch am Glasfels 16m abfliegen
lassen, Faktor 2 Sturz an ihm vorbei direkt in seinen Stand. Weiches
Sichern liegt ihm halt...
Schwaben-Attacke unterm Magnet: Karli Widder, in den 90ern mit 55cm Bizepsumfang,
aber mit summa cum promoviert, wurde fast zum Schläger nach
einem kleinen Wortgefecht mit einem Schwaben, wer wann und wo
einen Versuch starten könne. End vom Lied war: Karli stieg
zuerst ein nach Androhung , der Schwabe würde gleich Friendgrösse
4 verschlucken.
Christoph Stiegler dürfte mit Abstand die
meisten Magnetfingerbegehungen haben (> 250). Als weitere Aspiranten,
aber mit Abstand, auf den Titel „Meiste Begehungen“
kommen Uwe Gebhardt und dann AlexW
in Frage.
Ich kann mich noch gut erinnern, als ich Trauerflöte das
erste mal punkten konnte, ich glaube es war Frühjahr ´93.
Es war saukalt, Fleecehosen waren angesagt, aber wie immer zu
dieser Poserzeit, natürlich mit freiem Oberkörper.
Es war nebelig mystisch im Wald und Fred Ehrhardt
sass in der kleinen Höhle unter dem Hai und spielte passend
zu den langsamen und statischen Bewegungen auf dem Digeridoo
seinen neuen Titel „Giftgasbunker“. Gänsehaut,
nicht nur wegen der Kälte.
Was für ein geiler Tag. Solche Tage sind offensichtlich
selten im Leben.