Es geschah an einem Oktoberwochenende. Die Klettersaison
neigte sich ihrem Ende entgegen, der Bärenbrunnerhof zelebrierte
mit Doors Revival Band und einem Diavortrag den Beginn der Bouldersaison.
Die Nacht war lang und viele Mädels kamen zur Party.
Claudio, ein Charmeur der Sonderklasse und Mittelklasseboulderer,
war auch da. Die Entscheidung fiel schwer, welche Frau es denn
werden sollte, für diese eine Nacht. Claudio macht da keine
Ausnahme, er hat ganz klare Vorstellungen. Gut bouldern muss sie
können, Griffe putzen und auch gut spotten, wenn sein Astralkörper
Richtung Pad fliegt.
Am Ende ging Claudio alleine in seine Retro-Look
Pension, die eher an die 70-ziger Jahre erinnerte als an das,
was der heutige Pfalz-Tourist bei dem reichhaltigen Angebot erwarten
würde. Das Ambiente wurde unterstützt von gefühlvoll
ausgestopften Eichhörnchen, Hirschgeweihen und der umhäkelten
Klopapierrolle auf der Fensterbank. Süsse Träume leiteten
ihn in einen Dornröschenschlaf.
Claudio ist nicht mehr der Jüngste. Am Morgen ging's nach
einem Kaffee direkt zum Block. Blass war er, fast grün im
Gesicht, der Frust steckte ihm noch tief im Nacken, das es letzte
Nacht zu keiner improvisierten Reproduktion – das was man
landläufig unter Sex ohne Befruchtung versteht- gekommen
ist. Es kam, wie es kommen musste. Nach einer kurzen Aufwärmphase
am Block fiel er um - Claudio, der alle Energie beim Anbaggern
lies, lag auf dem Chrashpad, noch blasser als vorher, einem Kollaps
nahe. Aus dem erhofften Sitzstart wurde ein nicht mehr enden wollender
Liegestart. Auch die Zufuhr eiweisshaltiger und energiespendener
Riegel halfen nicht. Nach der Bergung, die sich als schwierig
erwies, denn Claudio konnte kaum noch laufen, fuhr man ihn ins
Krankenhaus, es sah wirklich schlecht aus um ihn. Dort angekommen
wurde er im Rollstuhl zur Intensivstation gebracht.
Es war Sonntag, daher kaum Ärzte im Haus und sehr still.
Claudio dachte, um sich abzulenken von all dem Leid, an die hübschen
Girls, die die Nacht zuvor sein Herz frohlockten. Seine Fantasie
ging soweit, dass er von einer mit nur knappem Rock bekleideten
Oberschwester träumte, aber auch von den schönen Boulders
im Wald. Die Geräusche und das Piepsen der Herz-Lungen Maschinen
im Nachbarraum hinterliessen ein komisches Gefühl in der
Magengegend. Man hörte Schritte im Gang, die bei jedem einzelnen
lauter wurden, so als würde gleich ein Elefant um die Ecke
biegen. Und es kam wieder, wie es kommen musste.
Ein vom Geräuschpegel her sich fast rollender Bloc bog ums
Eck. Oberschwester Kristine sollte sein Schicksal werden an diesem
Tag. Locker geschätzt wog sie 120-130 kg, einen weissen Kittel
trug sie auch, ganz nach Claudio´s Geschmack.
„Herr Claudio, machen Sie bitte ihren Oberkörper frei,
wir müssen ein EKG aufnehmen“ rief es mit tiefer Stimme,
locker Tenor, fast bassartig. Ein Sopran der Girls der Nacht zuvor,
wär ihm sicher lieber gewesen. Das EKG verlief positiv, die
vielen Moves in den kurzen Low- und Highballs haben sein Herz
gestärkt. Es ging glimplich für ihn aus, Oberschwester
Kristine schlief in ihrem eigenen Bett, eine hübsche Ärztin
bat zur Blutprobe und Claudio verbrachte einige Tage, aber nur
zur Vorbeugung eines Kollapses in der Intensivstation.
Mit Bouldern war erstmal Schluss, der Pressatmung
wegen beim Pullen, Feste dieser Art auf´m Hof gabs auch
keins mehr so schnell und Claudio ist wieder auf der Piste, die
Matte im Kofferraum, immer für einen Notfall gerüstet.