Goethe fragte: „Dove?“ Und ein Knecht antwortete:
„Da per tutto, dove vuol“, also überall wo er
wolle.
Dass muss sich kürzlich auch eine Engländerin gedacht
haben, als sie beinahe Axel K. auf den Kopf urinieren wollte.
Dazu A.K:“ Es war ein Alptraum, fürchterlich.“
Das Trauma ereignete sich in einer exotischen Mehrsseillängenroute
in Südostasien.
Es kam der Tag, an dem ich mir vornahm, die Grenzen täglich
zu überschreiten, und so sollte auch die Frage nach dem Urindrang
kein unüberwindliches Hinderniss in einer ethisch sauber
geprägten Welt sein, in der gesellschaftlich Tabu´s
zwar grundsätzlich gebrochen, aber gerne verschwiegen werden.
Zitiert man Goethe und verfolgt die Geschichte und Geschäfte
zurück bis ins Mittelalter wird deutlich, welch ungeheures
wirtschaftliches Interesse dem Urinieren beigemessen wurde. Es
wurde nicht zwischen ländlichem Mist und Fäkalmist unterschieden
und den Bauern diente der Stadtkack auch als Dünger für
die Felder.
Kacken leitet sich übrigens von dem lateinischen „cacare“,
also „sich mit etwas besudeln“ und aus der Vulgärsprache
„sch..ssen“ vom indogermanischen „skhid“
ab, dass mit Ausscheidung assoziiert wird. Sich besudeln klingt
grausam und passiert auch nur dann, wenn Männer oder Frauen
ihre koordinativ eingeübte und allgemein übliche Technik
des Sitzens während des Ausscheidevorganges durch Alternativtechniken
wie Stehen oder Hocken ersetzen.
Erst die Einführung von Anstandsregeln liessen
den Mensch über Jahrhunderte unanständige Dinge von
anständigen unterscheiden. Schamgefühl einerseits, Gemeinschaft
und Zusammengehörigkeit beim kollektiven Urinieren in geologisch
abseits gelegenen Orten, ist also eine Erfindung, die in die Zeit
der Romantik fällt.
Was tun, wenn man Kletterer oder noch unkomfortabler, Kletterin
ist ?
Das Schamgefühl hat gesiegt, der interessierte Beobachter
findet Überreste diverser Fäkalien meist hinter den
Blöcken. Das kann ein grün-bemooster, fürs Klettern
& Bouldern völlig uninteressanter Steinhaufen sein, andere
verrichten ihre Dinge trotzdem hinter einem Block, der in aller
Literatur und Medien beschrieben wurde und als Kultur-Erbe einer
Generation betrachtet werden kann. In aller Öffentlichkeit
im Beisein anderer, aber aufs Klettern bezogen gleicher Spezies,
schafft es erfahrungsgemäss lediglich der Mann, aber mit
entsprechendem Anstand, also der Gruppe abgewandt, zu urinieren.
Komplexer wird die Ausscheidung dann, wenn sich eine Seilschaft
in Ein-bzw Mehrseillängenrouten, abseits der vertrauten und
sicherheitgebenden Umgebung aufhält. Enge Goretexbekleidung
und straff sitzendes Gurtmaterial machen das Urinieren zu einem
zeitraubenden und psychisch sehr anspruchsvollen Unternehmen,
denn vom lebensrettenden Gurt will sich keiner trennen, schon
gar nicht hunderte Meter über dem saugenden Abgrund. Das
Problem liegt im speziellen bei den Frauen begraben. Ein Mann,
sofern´s beim Pinkeln bleibt, findet relativ schnell Entspannung,
auch ohne den Gurt abzutrennen. Was macht dagegen eine Frau im
Ernstfall ?
Raffinierte Entwickler der Bergsportbranche erfanden die mit Reissverschluss
im Schritt ausgestattete Hose. Diese erfordert aber, dass die
Frau ebenfalls einen mit so tollen features ausgestattenen Slip
trägt, andernfalls macht das keinen Sinn. Alternativ trägt
sie keinen Slip unter der Hose, was aber, sofern ihre Mehrseillängenbegleitung
männlich ist, psychisch eine nicht zu unterschätzende
Mehrbelastung des Mannes darstellt.
Inspiriert durch ein relativ begrenztes Angebot an Möglichkeiten
zur Ausscheidung beim Klettern abseits der Mittelgebirgssportklettergebieten,
vereinfachen wir in erster Näherung den Prozess. Nehmen wir
die Multillängenroute, die in regelmässigen Abständen
ausreichend breite Bänder bietet und gelingt es einem, den
Gurt abzulegen um danach gemütlich, also ähnlich zu
einem komfortablem Biwak, seine Dinge zu verrichten, müssen
andere kritische Punkte zur Diskussion herangezogen werden.
Das Magazin „Bätmän“ von und
mit Oli Scheib aus den frühen Neunziger Jahren, beschreibt
die Problematiken vortrefflich. Analfissuren, störende Behaarung,
Beschneidung oder Markierungen im Rahmen einer FKK (Freikörperklettern)
Studie wurden im Einzelnen behandelt und sollen nur daraufhinweisen,
was Bänder der grossen Wände an Gefahren bergen.
Was dagegen Höhenbergsteiger(innen) tun, wissen die Eingeweihten
und soll auch nicht näher betrachtet werden.
Was bringt die Zukunft? Mädels, ihr müsst
euch nicht länger im Wald hinter den Blöcken verstecken
oder aus Mehrseillängenrouten rauspinkeln. Mut zur Emanzipation
auch in diesem Bereich, brecht alle Tabu´s und folgt meiner
3K-Regel schon früh morgens, bevor ihr euch in düstere
Nordwände begebt.
Die drei K´s stehen für: KAFFEE-KIPPE-K.CKEN und glaubt
mir, spätestens nach 2 Seillängen seid ihr chronisch
dehydriert und mühsame Überlegungen über das „Wie“
und „Wo“ entfallen in zweiter Näherung. Oder
habt ihr, so wie Axel, schon Damen über euch urinieren gesehen
?