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Eine neuartige Sucht in Deutschland (3)

dem Okkultismus verfallen....

Besonders interessant sind allerdings die psychischen Veränderungen, die die Sucht mit sich bringt. Vor allem ist eine Hinwendung zum Okkulten zu beobachten, meist in einer animistischen Ausprägung. Die Experten gehen davon aus, daß von Boulderern Felsblöcke (jedoch nur bis zu einer gewissen Größe) als von Gottheiten bewohnt angesehen werden. Diese Gottheiten manifestieren sich in imaginären Kraftlinien auf den Blöcken. Unter den Boulderern genießen diejenigen besonders hohes Ansehen, deren geübtes Auge immer neue dieser Linien entdecken. Neue Kraftlinien werden mit besonderer Sorgfalt von störendem Schmutz befreit, dies geschieht meist durch eine rituelle Bürstenbehandlung. Um die Linien deutlicher erkennbar zu machen und böse Geister zu vertreiben, werden auffällige Felsstrukturen entlang der Linien mit geweihtem, weithin leuchtendem weißen Pulver nachgezeichnet. Hierbei treten regionale Besonderheiten auf: gewisse Gruppen im Süden und Osten Deutschlands verzichten auf die Bestäubung der Linien, gehen sogar militant dagegen vor. In einigen Gebieten Frankreichs werden die Linien zusätzlich mit einem harzgetränkten Lappen geschlagen. Die Geister, die mit diesem Ritual ausgetrieben werden sollen, sondern nach dem Irrglauben der Boulderer eine schleimige Masse auf den Felsstrukturen ab, meist als "Siff" bezeichnet. Die Wahnvorstellung, daß diese Geister besonders bei höheren Temperaturen aktiv werden und daß die Boulderer sie über alles fürchten, erklärt wohl zusätzlich die schon erwähnte Vorliebe der Boulderer für niedrige Temperaturen.

....und im Banne geheimer Zeichen

Die magischen Linien werden von den Boulderern mit Namen versehen. Ganz in der östlichen Tradition des Matrajanana stehend versuchen die Boulderer, durch möglichst häufiges wiederholen dieser Namen Kraft aus den Felslinien zu ziehen. Besonders wirksam sind diese Mantras, wenn mit den Kraftworten "saugeil", "Killer", "Monstergerät" oder "obercoole Linie" zu Beschwörungsformeln verknüpft werden. Nicht verwunderlich ist, daß viele der Namen der östlichen Philosophie entliehen sind (z.B. Karma, Chakra, Mandala, Mantra), mystische Naturphänomene (z.B. Midnight Lightning) oder Horrorvisionen beschreiben (z.B. Fat Boy). Einige Unerschrockenen wagen sich daran, Listen der magischen Linien in Büchern festzuhalten. Oft sind sie Anfeindungen ihrer Boulderkollegen ausgesetzt, die eine Invasion der eigenen Kultplätze durch andere Boulderer fürchten. Die Enzyklopädisten versehen ihre Auflistungen gemeinhin durch eine Kombination von Zahlen, Buchstaben und Zeichen für mathematische Grundrechenarten. Obwohl das genaue System bisher für alle Wissenschaftler undurchdringlich blieb, hat sich die Meinung durchgesetzt, daß damit die Stärke an magischer Kraft beschrieben werden soll, die der jeweiligen Linien innewohnt. Das System scheint einen großen subjektiven Charakter zu besitzen, über einzelne Einstufungen soll unter den Kletterer bis hin zu Handgreiflichkeiten und ewigem Ausschluß gewisser Subjekte aus der sozialen Gruppe gestritten werden

Besonders beliebt scheinen diejenigen Linien zu sein, die sich nur wenige Zentimeter über dem Boden in Höhlen befinden. Diesen Linien nähern sich die Boulderer äußerst demutsvoll, üblicherweise auf dem Hosenboden rutschend. Allgemein bleibt noch festzuhalten, daß der Aufenthalt in der Nähe aller magischen Linien nur unter gleichzeitigem Abbrennen kleiner Räucherstäbchen möglich zu sein scheint. Die Reste dieser Räucherstäbchen werden gewöhnlich fein säuberlich im Umkreis der Linien verteilt, um die Umgebung der Linien zu segnen.