Wo soll´s denn hin gehen? Nachdem klar war, dass
AlexW im Umkreis von 150 mm2 (Quadratmilimetern)über
die meiste Blockierkraft verfügt und Inspiration
unter der Dusche fand, sollte Bad Herrenalb das Ziel werden.
Vor Jahren hat Alex ein altes Projekt called "Zölibat"
geklettert, straight über die Bolts und 10- (8a)
ausgespuckt.
Schon der erste, wie auch alle anderen Wiederholer kletterten
an der Crux (Weicheier) eine kurze Linksabbiegung, was Zölibat
zu einem 9er oder 9+ macht. Hannes Schilling wie auch AlexW
hatten da schon ein Auge auf die Tour rechts vom Zölibat,
die in alter verfügbarer Schwarzwaldliteratur mit 8+
angegeben wird. Aus sicherer Quelle wurde aber bekannt,
dass das noch nie einer frei geklettert hat. Wer kam da
auf 8+? Der neue Wagenhals-Topo gibt die "Klosterwand"
mit 8+ an, der neue Panico gibt keine Bewertung und stellt
die Frage, ob das jemals rotpunkt geklettert wurde. Hannes
und Alex meinten damals daher nach erstem Check-Out, dass
die Klosterwand wohl noch schwieriger als das Zölibat
wird, also eher 8a oder 8a+, allerdings eine so wie das
Zölibat, extrem technische.
Kurze Rede, langer Sinn. Am Freitag, den 06.08. bekam die
technisch äusserst hochwertige und komplexe Klosterwand
gleich zwei Rotpunktbegehungen, erst von Alei Wenner, dann
von Flo Böckle. Das dürften die ersten freien
Begehungen sein. Man sollte sich aber auch hier direkt an
den Haken orientieren und nach der Schlüsselstelle
nicht in den leichteren Ausstieg vom Zölibat wechseln,
das nur auf den ersten 6m vom Stand weg schwer ist. Überraschend
der Grad, den beide spuckten: Glatt 9 oder 7c, je weiter
links man nach der Crux (sehr weiter Untergriffblockierzug)
klettert, desto leichter wird die Tour sicherlich, denn
der gerade Original-Klosterwand Ausstieg ist nochmal ziemlich
kratzig knifflig.
6.
August 2010
Purpur – The BEST of Pfalz im August Sommer-Special
Ende Juli 2010, Freitag abend, ich bin mal wieder deutlich
zu spät um in die Pfalz zu heizen, da ich, wie immer,
wegen einer Telefonkonferenz nicht pünktlich aus der
Firma komme. Danke, so toll können Freitage sein. Das
Ziel: Purpur am Trifels. Gerissen hab ich es Mitte Juli
schon, aber heute wollen wir das Prunkstück mal fotografisch
festhalten. Fahrtzeit 45 Minuten, Zustieg 15 min, Geländerseil
installieren 10 min, sodass man ganz elegant von A nach
B kommen kann. Kameramann installieren nochmal 15 min, zurück
zum Einstieg in einer Minute. Start. Abfahrt: 17:45. Scheiße,
mit dem Licht zum Knipsen wird's knapp. Die Nerven liegen
blank, wie immer, aber gerade in der Ferienzeit auf der
Südtangente wurde eine Baustelle vom Stadtamt vorsorglich
zum Krätze kriegen gebaut und geschätzte 500 Holländer
mehr als sonst sind unterwegs Richtung Campingplatz . Fünf
Kilometer zähfließender Stau. Mein Hirn glüht,
danach Vollgas Richtung Pfalz. Ich kotze: schon wieder Stau
in Kandel, die Zeit rast. Um 19:00 erreichen wir endlich
das Band am Trifels, ziemlich schattig im Purpur mittlerweile.
Ich bau' den Klettersteig trotz allem Ärger zum Stand
des Pfeilerwegs. Die Aussichten sind schlecht. Die Wand
ist schattig, extrem schattig, das Licht wird nicht reichen
für ein Foto-Shooting. Mein Gesichtsnerv zuckt schon
und die rechte Hand verkrampft – Magnesium-Mangel
oder einfach nur Stress – keiner weiss es. Da erinnere
ich mich wieder an Hilary Cooper und ich lebe. Das Leben
wird nicht daran gemessen, wieviele Atemzüge wir nehmen,
sondern an den Momenten, die uns den Atem nehmen. Nach so
viel geschwollener Prosa bin ich bereit für das nächste
Bergabenteuer.
So, jetzt erstmal runterkommen und durchatmen, ich bin kurz
vorm Kollaps, die Badeschlappen im Zustieg hatten heute
null grip. Adrenalin, die „Nerve sin gerisse“
hat mein Italiener mal gesagt. Die Wand wird inspiziert.
Das schaut schon mal gut aus.
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Maus drüber fahren.
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Wo isser ? Wenner hat sich das Leben genommen, der Stress
war zuviel, zudem ist der erste Ring so weit oben. Also
sich lieber prophylaktisch schon mal umbringen, das ist
immer noch besser als vorm ersten Ring zu sterben. Flo steht
alleine am Stand und trauert schon ein bisschen.
Nein, da isser wieder. Beim mentalen Sammeln hat er sich
kurzfristig in Luft aufgelöst, vollkommen in sich gegangen
– eins geworden mit sich und dem Ziel. Es geht los.
Halt: Die Sticker fehlen noch, also noch schnell einer aufs
Bein und einer auf den völlig wegen Alterschwäche
degenerierten Delta geklebt. Jetzt basst's.
Kaltstart. Purpur ist nix für Weicheier. Zum ersten
Ring muss man mal den Mittelfinger kurzfristig rausnehmen
aus'm Loch und zünftig ansteigen, allerdings nur im,
naja dürfte irgendwas zwischen dem 3. bis oberen 8.
Grad sein (wenn Abba Zappa unten 5+ ist, ist die Platte
8 ?), dafür liegt ein solider CAM 1 in Schwebesicherung
in einem Lettenloch in der seichten Verschneidung 5 Meter
unterm lebensrettenden ersten Ring. Gell, do gugscht...
Flo zittert schon ein bisschen, ich merks am Kabel, das
vibriert.
Jetzt wird's ernster. Ok, der Griff an der überhängenden
Kante, immer noch 1m unterm Ring, schaut genau hin, das
is so. Aber das ist ein Schloss, Ausbrechen darf der trotzdem
net. Autsch, da wird ganz schnell aus 3D-Flo ein 1D-Flo
und Wenner ist schon wieder tot, wahrscheinlich.
Ersten Ring einhängen und den kurz darüber auch
noch gleich, sodass im Sturzfall mindestens einer hält,
der erste Ring ist uralt vom Scharfi und Purpur daher über
Jahrzehnte im Projektstatus, bis 2007 eben. Abdrängend
ist's, aber dort hat's ja Sloper-Henkel, das ist unverschämt.
Es läuft gut. Füße an die Kante, offene
Tür natürlich, was sonst und durchreissen zur
Leiste. Flo ist mächtig beeindruckt, ich auch und der
Sticker löst sich schon ein bisschen vom Oberarm.
Links in Foothook-Position, Leiste anpullen zur komfortablen
Sloperzange an der Sloperkante. Schön, einfach schön
isses hier.
Na, was machen die Füsse...Stehen, alles Grün,
weiter gehts ins steile Gemäuer wo den Alpinisten dann
Züge der ganz besonderen Art erwarten.
Blocken oder Springen, das ist hier nicht die Frage. Nein,
auch wenn's so aussieht, der Wenner holt hier keinen Schwung,
das geht lockerst statisch, selbst mit knapp 41. Aber man
sieht, er ist schlecht gelaunt, der Sticker fliegt gleich
ab. Dem Wenner stellen sich die Haare am ganzen Körper,
äusserst sensibilisiert, konzentriert auf den Sticker,
Muskeln nicht zu arg anspannen, denn dann wär der Sticker
weg.
Retro, er schaut schon bisschen alt aus. Die Leiste: was
für eine geile Leiste. Mittlerweile ist es sicher schon
19:53 Uhr, es geht nur noch langsam voran. „Ich muss
mich beeilen, dass im Quergang noch genug Licht ist“.
Die Luft wird dünner und da wir ohne Sauerstoffflaschen
im Alpinstil unterwegs sind, merkt man langsam die 45 consumed
Zigaretten zwischen den Meetings und nach der Telefonkonferenz.
Ist doch klar. Dort hat's einen Griff, also erst mit rechts
hin, klippen, zurück zur Leiste und mit links hin.
Flo checkt das net. Die Bewegungsabfolge wird für ihn
als Azusi (für die Uneingeweihten: Ars.h zum Sichern)
immer komplexer. Man sieht die hängenden Finger, also
nix aufgestellt. Das hängt damit zusammen, dass Wenner
nicht mehr aufstellen kann. Alles verkürzt nach all
den Jahren, da alles mal gerissen und gesprengt wurde in
früher Jugend, wie Kapsel oder Ringband.
Klippen, klar, aber wo ist die linke Hand? Die greift für
den Zuschauer unsichtbar links raus zu einer extra fürs
Purpur-Posing installierten Reckstange, die Wenner genüsslich
zur Zwischenrast einsetzt.
Mittlerweile ist auch der Visagist am Start. Er kommt von
oben im Dülfersitz übers steile Gemäuer abgeseilt.
Im Rucksack hat er ausser einem Leberknödel für
den Glanz an der Schlüsselstelle Massage-Öl vom
Aldi dabei. Das Öl ist für einen Kletterer beim
Posing das, was für den Schauspieler das Make up ist
und für einen Pfälzer die Leberwurst.
Jetzt heisst es mal lang machen. Der Body muss gestrafft
sein, Oberkörper-Zellulitis sieht scheiße aus
auf Fotos. Der Visagist pendelt im Seil, die Spraydose ist
einsatzbereit, es kann losgehen.
Die Schlüsselstelle. 20:23 Uhr. Der Rücken glänzt,
exzeptionelles Styling. Alles hat super geklappt, perfektes
Timing. 25 Jahre Strickleitertraining machen doch Sinn.
Statisch im Anschlag gehts zur Lette. Im Basislager bei
Flo schwindet ganz langsam die Sonne und die Laune. Er will
ja auch mal ran an die Mauer.
Da gibt's nix zu sagen. Das ist Athletik und Kinästhesie
in einem vereint. Das mentale Training im unsichtbaren Zustand
hat sich scheinbar ausgezahlt.
Ups, da kommt ein Sloper, Pfälzer Lieblings-Delikatesse
von AlexW, aber von dem will auch der nächste Haken
geklippt sein. Der Visagist hat ihn mittlerweile im Vorbeischwingen
wieder abgeschminkt. Das sieht einfach besser aus...männlicher
halt.
Eine kleine Dosis Amphetamin in Kombination mit Anabolika
wirkt sich im richtigen Moment sehr günstig auf den
Latissimus aus.
Ein wirklich ausgeklügelter intelligenter Routenverlauf
leitet nach links zu einer Stellerleiste, die man am besten
aufstellt. Knapp daneben henkelt's, aber die Spannweite
reicht nicht. Wenn's jetzt noch mit dem Hook klappt, den
man freihängend angelt, freuen sich ausser Flo auch
der immer noch pendelnde Visagist, der Personal Trainer,
der Wenner den Muskelsaft verabreicht hat und der Kameramann,
wenn er nicht, wie so oft, ins Leere fotografiert.
Jetzt schön klein machen an der Kante - wegen der Angst.
Da gehts aber mal richtig heftig tief runter. Aber für
einen traditionsbewussten Alpinisten ist das kein Problem.
Das Knie schön unter dem Dach verstaut, Knee-Hook nennen
es die Profis und rechts so ne abschüssige Scheissleiste
anblocken zur eierigen Kante. Die ist vielleicht rund, die
Sau.
Epos - ein Blick, wie von Comici, voller Stolz. Glotz net
so, der rechte Haken gehört nicht zu Purpur, der ist
von „Hello darkness“. Gerade geht's zum Gipfel,
der Tag neigt sich dem Ende zu und es sind nur noch 15 Meter
zum Top, ein gebohrter Ring sichert das Ausstiegsgelände
by fair means ab...nur fliegen dürft ihr dort nicht.
Dann wird aus 3D Flo wieder....ihr wisst schon.
Die Hard Facts:
Purpur 8a - Dieter Klan / Ingo Bischoff 2007
Länge:
22 m bis zum Biwak-Band, 35 m bis zum Gipfelgeländer
und der Gipfel ist das Ziel, nicht der Weg. Gesamte Wandhöhe
60m.
Abstieg:
Abklettern zum letzten Ring, danach ablassen.
Schwierigkeit:
8a
Absicherung:
KEIN Plaisir - 3.5 Ringe bis zum Band, eigentlich
nur 3 aber am ersten klippt man 2, plus einer nach dem Band
oben
Material:
Petzl Hirundo giftgrün
5 x Petzl Spirit Runner
CAM 1 vorm ersten Ring
Red Chili Matador und im schicken Orange der Red Chili Chalkbag
mit roter Bürste von Franklin
Markenjeans von energy – leicht perforiert für
die verbesserte Atmungsaktivität
Charakter der Tour:
Startet in der zweiten Seillänge
vom Westwand-Band weg, ziemlich genau senkrecht über
dem Hexentanz. Athletische Weltklasse-Turnübung mit weiten
Blockierzügen links des extrem berühmten und klassischen
Pfeilerwegs (genannt „Trifels-Dach“ 9-) und links
von „Hello Darkness“, dem neuen Pfeilerweg, 9-/9.
Purpur dürfte unübertrieben die beste Erstbegehung
in der Pfalz im letzten Jahrzehnt sein.